Speeddating: Der 3-Sekunden-Check in der Praxis

Das ist der Traummann? Dann aber schnell! (Quelle: eelke dekker by flickr.com)

Heutzutage hat niemand richtig Zeit. Wir sind alle unglaublich hektisch unterwegs und hetzen von Termin zu Termin. (Als guter Deutscher will man ja auch immer pünktlich sein und perfekte Ergebnisse abliefern.) Einerseits sind Perfektionismus und Pünktlichkeit Tugenden gegen die man wirklich nichts sagen kann, schließlich machen uns genau die in der Welt berühmt und als Geschäftspartner begehrt.

Das Ganze hat allerdings auch negative Effekte, denn wir stressen uns unglaublich. Wir haben keine Zeit für die wichtigen Dinge des Lebens, jetzt mal abgesehen von der Arbeit – die Liebe zum Beispiel.

Und weil wir keine Zeit haben, denken wir uns zeitsparende Möglichkeiten aus, die Liebe zu finden. Speeddating ist der Zeitsparklassiker. In einer halben Stunde darf man sechs Menschen kennenlernen und im wahrsten Sinne des Wortes abchecken. Praktischerweise kann man sich sicher sein, das sie alle Singles und „zu haben“ sind, vergebene „Nieten“ in dem Sinne gibt es also nicht.

Aber kann man sich in so kurzer Zeit verlieben?

Eigentlich geht es bei jedem Kennenlernen zunächst doch nur um diese berühmten drei Sekunden am Anfang, deshalb würde ich ja selbst sogar zu einer Art Speed-Speeddating tendieren. Einfach nur Hallo sagen, denn dann hat man ja schon ein ziemlich gutes Grundgefühl, ob es passt oder nicht. Man würde in den 30 Minuten auch viel mehr Leute kennenlernen können. Und könnte sich die langen fünf Minuten mit den Langweilern sparen.

Auf der Straße macht man es ja auch nicht anders, man checkt die Beute.

Dem einen schaut man noch hinterher vor Gier, die anderen würdigt man keines Blickes – ich nenne das mal natürliche Selektion. Die Entscheidung wird in Sekundenbruchteilen getroffen, nur geht man dann nicht hin und sagt „Hey, ich will Dich kennenlernen!“, denn in den meisten Fällen würde man sowas von abblitzen. In der Regel genießt man schweigend und ärgert sich darüber später unter Umständen sehr.

So kommen diese Suchanzeigen zustande, die man immer wieder findet. „Hab Dich gestern um acht in der Bahn gesehen, Du hast so süß gelächelt.“ oder „Du hast mir die Hand gehalten, als mein Freund mit blutiger Nase ins Krankenhaus kam. Will Dich gern wiedersehen!“ – haben solche Suchanzeigen Erfolg? Kann man diese kurzen Augenblick des Kennenlernens zurückholen? Und, das frage ich mich jedes Mal, warum um alles in der Welt hat man es nicht gleich, sofort, auf der Stelle versucht?

Mit einer solchen Suchanzeige outet man sich doch als Feigling, als einer der den rechten Moment verpasst hat, die Klappe nicht aufgekriegt hat, aber nun in der romantisch verklärten Erinnerung schwelgt. Kennt jemand jemanden, der über eine solche Suche tatsächlich einen Partner gefunden hat?

Ich nicht, die Suchanzeigen lese ich trotzdem immer wieder gerne und solche Momente erlebe ich auch. Momente, in denen ich von Menschen begeistert bin und in denen ich trotzdem nichts sage. Das betrifft nicht nur potenzielle Partner, sondern auch jegliche Fälle von Zivilcourage. Wenn die Oma den Lümmel zur Rede stellt, der die Leute nassspritzt. Wenn jemand sich vor dem Ordnungsamt nicht herausredet, sondern sagt: „Ja, Sie haben recht, ich hab´s gemacht, und zwar mit Absicht. Auch wenn ich mich ärgere, hier ist die Kohle dafür.“ Viel zu selten sage ich in einem solchen Augenblick „Weißt Du was, ich find Dich cool!“ Obwohl ich es oft denke.

Vielleicht sollte ich das öfter machen?

So lernt man ja auch Leute kennen und das ganz ohne diese künstliche Datingumgebung, sondern einfach aus echter Sympathie und echtem Interesse. Mal schauen, ob´s klappt …

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.