Plädoyer für ein romantisches Kennenlernen

Romantische Liebe in modernen Zeiten. Hat der Brief da noch eine Chance? (Quelle: Daniel Kruczynski by flickr.com)

In den vergangenen Jahrzehnten hat sich unser Leben grundlegend verändert. Die Welt dreht sich immer schneller. Telefon, Fernsehen, Internet – Informationen zu allen denkbaren Themen sind heute rund um die Uhr verfügbar. Genauso können wir uns zu jeder Tageszeit unterhalten lassen, so dass es Langeweile in dem Sinne auch nicht mehr gibt. Im Urlaub geht es einfach mal so ans andere Ende der Welt, wir wechseln häufiger den Wohnort, die Arbeitsstelle und auch unseren Partner.

Wir erleben unendlich viel in kurzer Zeit. Es ist kaum möglich, Eindrücke und Informationen wirklich zu verarbeiten, sie rauschen einfach vorbei. So rauschen wir auch durch unser eigenes Leben. Die Ursachen dafür sind vielfältig und es ist nicht leicht dieser Beschleunigung entgegenzuwirken.

Genau so geraten wir von einer Beziehung in die nächste. Sofern man nicht auf dem Lande fest gebunden ist, wie die aus dem Fernsehen hinlänglich bekannten „Bauern“, ist es heute nicht wirklich schwer, jemanden kennenzulernen. Selbst wenn man die vielen frustrierenden Spam-Kontakte im Netz von den Erfolgsmeldungen abziehen muss, einen oberflächlichen Kontakt zu Fremden herzustellen, zu flirten, ist im Netz ein einfaches Spiel.

Experten zur Partnersuche in Onlinenetzwerken raten in der Regel dazu, sich schnell zu verabreden. Die Suche ist meist sehr ergebnisorientiert. Es geht eben darum in kurzer Zeit Verabredungen auszumachen und möglichst wenige Verabredungen zu benötigen, um eine Beziehung herzustellen.

Vielleicht bin ich ein bisschen zu romantisch veranlagt, doch ich halte diese Ratschläge für zu pragmatisch.
Wie entsteht denn Liebe? Dass kann man nicht vorherbestimmen. Paare finden auf ganz unterschiedlichen Wegen zusammen. Ist es denn wirklich Vergeudung von Lebenszeit einen Menschen eine Zeit lang romantisch zu umwerben? Muss man wirklich zunächst die „Facts“ abklopfen und zwar in einer nützlichen, sich selbst gesetzten Frist?

Früher haben die Menschen doch auch zueinander gefunden, auch über Entfernungen. Sie nutzten dazu ein ganz altmodisches Medium – den Brief. Der Versand dauert Tage, so dass man auf eine Antwort unter Umständen Wochen warten musste, doch auch auf diesem Wege wurden Beziehungen geknüpft. In unserer schnelllebigen Zeit ist das nicht sehr angesagt, viele Menschen sind zu ungeduldig, um auf einen Brief zu warten. Man reagiert ja schon übellaunig, wenn eine Textnachricht einen halben Tag unbeantwortet bleibt.

Gefühle brauchen Zeit. Nach zwei Treffen entscheiden zu können, ob da Liebe wachsen kann, klingt ein bisschen als glaube man an den Weihnachtsmann. Die Liebe auf den ersten Blick gibt es zwar tatsächlich, doch die Regel ist das nicht.

Wie eine Beziehung entsteht, lässt sich nicht steuern. Zu viele Details spielen eine Rolle. Wir können nur staunend zusehen und uns an langsam wachsenden Gefühlen freuen, denn die brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Wer sich unter Druck setzt und Limits festlegt („Wenn beim zweiten Mal nix geht, dann lass ich es!“), der lässt sich so manche Chance entgehen.

Auch wenn das Medium „Brief“ aus der Mode kommt, die Art und Weise zueinanderzufinden ist nach wie vor aktuell. Wer eine Beziehung in Ruhe angeht, findet auch in Krisenzeiten die Ruhe gemeinsam durchzuhalten. Und Krisen muss man gemeinsam bewältigen können, wenn man lange, vielleicht sogar ein Leben lang, zusammenbleiben möchte.

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