Kachelmann-Freispruch: Im Zweifel gegen jeden Anstand

Dunkle Wolken über Mannheim. (Quelle: Max Braun by flickr.com)

Nun ist er also freigesprochen, der Kachelmann. Kontaktanzeigen hatte der ja nicht nötig und trotzdem an jedem Finger ne Frau. Auf den ersten Blick klingt dieses Lebensmodell ziemlich beneidenswert, aber es hat sich als recht komplexe Kiste erwiesen. Ob er getan hat, was ihm vorgeworfen wird, lässt sich nicht bestimmen, ob seine Ex-Freundin gelogen hat, genauso wenig.

Nur eins steht felsenfest, einer von beiden sagt die Unwahrheit. Könnte Kachelmann jetzt nicht im Gegenzug eine Verleumdungsklage starten? Schließlich ist sein Ruf komplett hinüber. Zwar beweist Andrea Kiewel eindrücklich, dass das deutsche Fernsehen ziemlich vergesslich ist, indem sie fröhlich den Fernsehgarten moderiert, aus dem Sie nach dem Weigth-Watchers-Gate zunächst vertrieben wurde. Aber bei Vergewaltigung, da liegen die Dinge anders. Ob geschehen oder nicht geschehen, der Vorwurf  bleibt. Ganz Fernseh- und Zeitungsdeutschland sieht Kachelmann ja mit heruntergelassener Hose vor sich. Gut, dieses Bild verblasst mit der Zeit vielleicht, das Stigma des „Vielleicht-hat-er-es-ja-doch-getan“ wird allerdings nicht verschwinden, das ist zu viel, zu groß, das haftet fest, vermutlich sein Leben lang.

Den Namen Kachelmann wird es nur noch in Kombination mit dem kleinen Wörtchen „Wenn“ geben. Vor dem Gesetz ist er zwar unschuldig, doch in den Köpfen wird das „wenn er es doch getan hat“ und das „wenn er es nicht getan hat“ immer mitgedacht werden. Kachelmanns Leben wurde durch die Anzeige, Festnahme, U-Haft und die Verhandlung komplett aus den Angeln gehoben. Aber vielleicht hat das ja im Kern auch etwas Gutes, immerhin hat er geheiratet und vielleicht bringt sein neues Leben, das Leben danach, auch etwas Ruhe mit, wenn das Blätterrauschen verstummt ist.

Was auch passiert ist, ein anderes Urteil als den Freispruch konnte es wohl nicht geben, alles was man an Argumenten so hörte, klang zweifelhaft. Nirgendwo ein Beweis und jedes Indiz widerlegbar.

Ich ziehe aus dem Medienrummel einen persönlichen Schluss, immerhin wurde mir einmal mehr vor Augen geführt, dass die Menschen oft anders sind, als sie zu sein scheinen. Dass der Kachelmann, dieser gutmütige Wetterschussel, so ein Herzensbrecher ist/war, mal ehrlich, wer hätte das gedacht? Man muss die Augen offen halten, und zwar nicht nur weil man überall Betrüger wittert, das Leben ist halt vielfältig und die Kachelmänner auch.

Also drehen wir uns um und wenden uns wieder den wirklich wichtigen Dingen im Leben zu – dem eigenen Glück und dem unserer Lieben. Ich hoffe natürlich, dass mir persönlich so ein Wolf im Schafspelz erspart bleibt bzw. dass ich rechtzeitig die Kurve kriege.

Leider hat sich der Boulevardjournalismus in diesem Fall als allesfressendes Monster erweisen. Man sagt, es gehört sich nicht über andere Menschen zu reden, wenn sie nicht anwesend sind, sich nicht verteidigen können. Offenbar gehört es jedoch zum Recht der Medien jedes intime Detail zweier Leben schonungslos an die Öffentlichkeit zu zerren, zu begutachten, zu bewerten. Ich finde es persönlich höchst bedenklich, dass die Menschenwürde so schnell der Sensationslust erliegt. Vor Gericht gilt „im Zweifel für den Angeklagten“, im Boulevardjournalismus gilt ganz offensichtlich „im Zweifel möglichst große Schlagzeilen“ – und damit gegen den Anstand.

One thought on “Kachelmann-Freispruch: Im Zweifel gegen jeden Anstand

  1. Hans Kolpak

    „Name Dropping“ ist gut und schön, wenn es den paßt. Aber nach dem Lesen dieses Kommentars beschleicht mich das Gefühl „Fehlanzeige“ statt „Kontaktanzeige“. Und nu?

    Kachelmann & heißer Ofen, das paßt.

    Unsere Gesellschaft ist, wie sie ist. Und jeder blamiert sich, so gut er kann. Doch wer von all denen lebt sein eigenes Leben? Brauche ich Jürgen Kachelmann, um mich zu spüren? Nicht wirklich.

    Ich sag Ihnen was: „Mir sind viele Menschen im Netz begegnet, die sich ohne Not an mir gerieben haben, die mir nachgewiesen haben, was sie von mir halten. Diese Ergüsse haben aber nichts mit dem Außenbild zu tun, das ich von mir erschaffen habe, sondern nur mit dem Kopfkino, daß jemand auf mich projeziert. Aus meiner Sicht ist das Murks. Ich bin ein Mensch und keine Leinwand. Wenn das Lichtgewitter vorbei ist, sieht man nichts mehr außer Umgebungslicht. ES BLEIBT NICHTS HÄNGEN! ALLES KLAR?“

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